30.1.2008
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Außen: Chaos, Unsicherheit, Angstbeißen
Innen: Chaos, Unsicherheit, Angst beißt
Deshalb: Über in sich erfüllte Menschen heute
____Zwei Drittel der Bevölkerung in Deutschland haben laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ein sehr geringes oder gar kein Vermögen. Die reichsten 10 Prozent besitzen fast zwei Drittel des Gesamtvermögens. Der Paritätische Wohlfahrtsverband nannte diese Verteilung ein erschütterndes Zeugnis sozialer Ungleichheit. (Kieler Nachrichten, 8.11.2007)
____Das Kieler Institut für Weltwirtschaft wies 2007 darauf hin, dass gut bezahlte (Industrie-)Arbeitsplätze verlorengingen, während gering bezahlte Beschäftigung im Dienstleistungsbereich zunahm.
____Draußen Leben mit Hartz IV von Thomas Wagner beschreibt die Unmenschlichkeit der deutschen Arbeitsmarktpolitik, die zwar fordert, aber zu wenig fördert. (Kieler Nachrichten, 14.1.2008)
____Psychische Erkrankungen sind langwierig und weiter zunehmend, konstatiert die BKK. Lag ihr Anteil 1976 bei 2 Prozent aller Erkrankungen, sind es heute fast 9 Prozent. Besonders Depressionen nehmen überdurchschnittlich zu von 2001 bis 2006 um 17 Prozent. Die Depression entwickelt sich mit ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen zu einer der am weitesten verbreiteten Krankheiten in den Industriestaaten. Trotzdem bleibt die Volkskrankheit Nummer eins ein Tabu, steht Depression doch in Zusammenhang mit den Anforderungen der modernen Gesellschaft an jeden Menschen, reibungslos zu funktionieren. (
) Depression ist die Kehrseite einer modernen Gesellschaft, die den Menschen zur Produktivkraft herabwürdigt und ihn bis zur Erschöpfung fordert. (Kieler Nachrichten, 15.1.2008)
Es gibt Menschen, die anders sind
als jene, die in den oben genannten Statistiken auftauchen. Oft sind sie wirklich ganz anders. Es sind unauffällige, auffällige, laute, leise Menschen in jedem Fall andere Menschen als die so genannten normalen Mitmenschen. Da sie anders sind, werden sie von der Masse oft nicht verstanden, vielleicht belächelt, oder man fürchtet sie. Je nachdem
In Zeiten wachsender äußerer Unsicherheit (materiell), in Zeiten wachsender innerer Unsicherheit (emotional, psychisch) nimmt die Suche nach Aus-Wegen aus der Spirale der Unsicherheit zu. Die Sehnsucht nach Sinnhaftigkeit wächst. Überraschend stand in einer im Dezember 2007 veröffentlichten Bertelsmann-Studie, dass rund 70 Prozent der Bundesbürger als religiös eingestuft werden können. Fast jeder fünfte Deutsche gilt als tiefreligiös. Als auffällig registriert die Erhebung den Trend weg von der Kirchenlehre zur Patchwork-Religion: Jeder Fünfte gab an, man sollte sich seinen Glauben aus verschiedenen religiösen Lehren selbst zusammenstellen. Sinnhaftigkeit sucht neue Wege
Das Alltagsbewusstsein überschreitende, so genannte transzendierende und das Leben tief verändernde Erfahrungen sind nicht an Religiosität gekoppelt. Diese Erfahrungen geschehen, wenn man denen zuhört, die ihre Erfahrungen mitteilen, oft jenen, die vorher gar nicht besonders religiös waren. Darunter sind Künstler, Schriftsteller, Regisseure, Mütter, Manager, alte, junge Menschen.
Einheit in der Vielfalt: Wir stellen eine Auswahl von Erfahrungen von Menschen vor, die in Zeiten festgefahrener Unsicherheit helfen können, den Blick in eine neue Richtung zu wenden, nach innen, wo nach ihrer übereinstimmenden Aussage Ruhe sowie unendliche Kreativität und Einheit liegen, auf der das Leben in seiner unendlichen Vielfalt in stiller Freude tanzt. Viel Freude und vielleicht auch die eine oder andere erleuchtende Erfahrung für das eigene Leben.
Das Potenzial von Krisen
Das Wort Krise, hergeleitet aus dem Griechischen, bedeutet trennen, (unter)-scheiden. Eine Krise bezeichnet eine (Ent-)Scheidung, eine entscheidende Wendung. Sie umfasst eine schwierige Situation und ist zugleich eine Zeit, die einen Höhe- und Wendepunkt darstellt. Man ist (überraschend, unerwartet) mit einer neuen Situation konfrontiert. Alte Konzepte, Werte, Muster, Normen, Überzeugungen und Lösungsmuster greifen nicht mehr. Es tauchen Gefühle der Bedrohung auf, Unsicherheit, zugleich Dringlichkeit, (Zeit-)Druck und das Gefühl, die Situation sei bei aller Bedrohlichkeit gleichzeitig von großer Wichtigkeit (für die Zukunft).
Damit wird das große Kraftpotenzial in dieser Situation benannt: In einer Krise steckt immer auch ein kreatives Potenzial, die Krise zu durchschreiten (allein die Worte Wachstumskrise, Reifungskrise sprechen davon). Mit dem Erschüttert-Werden löst man sich aus der Dominanz von etwas Altem (aus alten Verstandesmustern, Konzepten, aus emotionalem Verhaftetsein) das Leben, das Sein wird größer man wächst in und an der Situation
Aus der Krise erwächst eine Offenbarung des Neuen
In einer Krise liegt ebenfalls das Potenzial einer Offenbarung. In dieser extremen Situation eines Scheideweges das Alte funktioniert nicht mehr, das Neue ist noch nicht Erfahrung offenbart sich dann doch das Neue, oft unerwartet und mit großer Kraft und Klarheit, mit entscheidender Wirkung auf das Leben.
Eckhart Tolle, geboren in Deutschland, nach dem Studium an der University of London tätig an der Cambridge University, lebte bis zu seinem 30. Lebensjahr in fast permanenten Angstgefühlen, unterbrochen von Phasen lebensmüder Depression. Eines Nachts erwachte ich in den frühen Morgenstunden mit einem Gefühl absoluten Grauens. (
) diesmal war es intensiver als je zuvor. (
) Und das Abscheulichste von allem war meine eigene Existenz. Welchen Sinn machte es, mit dieser Elendslast weiterzuleben? Warum diesen ständigen Kampf weiterführen? Ich konnte fühlen, dass die tiefe Sehnsucht nach Auslöschung, nach Nicht-Existenz jetzt wesentlich stärker wurde als der instinktive Wille weiterzuleben.
Ich kann mit mir selbst nicht weiterleben. Dieser Gedanke kreiste endlos in meinem Verstand. Plötzlich wurde mir bewusst, was für ein sonderbarer Gedanke das war. Bin ich einer oder zwei? Wenn ich nicht mit mir selbst leben kann, dann muss es zwei von mir geben: das Ich und das Selbst, mit dem Ich nicht mehr leben kann. Vielleicht, dachte ich, ist nur eins von beiden wirklich.
Ich war so fassungslos über diese seltsame Erkenntnis, dass mein Verstand anhielt. Ich war bei vollem Bewusstsein, aber es waren keine Gedanken mehr da. (
) Ich fühlte, wie ich in eine Leere hineingesaugt wurde. Es fühlte sich an, als sei die Leere in meinem Inneren, nicht außen. Plötzlich war keine Angst mehr da, und ich ließ mich in diese Leere hineinfallen. Ich habe keine Erinnerung daran, was danach geschah.
Ich wurde von dem Zwitschern eines Vogels draußen vor dem Fenster geweckt. Nie zuvor hatte ich solchen Klang gehört. (
) Ich erkannte das Zimmer, und doch wusste ich, dass ich es nie zuvor wirklich gesehen hatte. Alles war frisch und unberührt, als ob es gerade erst entstanden wäre. (
) An diesem Tag ging ich in der Stadt umher, voller Staunen über das Wunder des Lebens auf der Erde, so als wäre ich gerade erst in diese Welt hineingeboren worden.
Fünf Monate lebte ich ununterbrochen in einem Zustand tiefen Friedens und tiefer Glückseligkeit. Danach ließ die Intensität etwas nach, oder vielleicht schien es auch nur so, weil mir dieser Zustand so selbstverständlich geworden war. Ich konnte weiterhin in der Welt funktionieren, obwohl mir bewusst war, dass jegliches Tun nicht das Geringste zu dem hinzufügen konnte, was ich bereits hatte. (
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Was (nach jener Nacht) zurückblieb, war meine wahre Natur das stets gegenwärtige Ich bin: reines Bewusstsein, bevor es sich mit Form identifiziert. (
) Vielleicht grundlegender als jede Erfahrung ist der tiefe Unterton von Frieden, der mich seitdem nicht mehr verlassen hat. Manchmal ist er stark, fast greifbar, so dass andere ihn auch fühlen können. Zu anderen Zeiten ist er mehr im Hintergrund, wie eine entfernte Melodie. (Eckhart Tolle: Jetzt! Die Kraft der Gegenwart)
Beispiele: In sich erfüllt sein
Herman de Vries, einer der größten lebenden Künstler, die in/mit der Natur arbeiten: die welt ist meine chance
meine poesie ist die welt ich schreibe sie jeden tag ich schreibe sie jeden tag neu ich sehe sie jeden tag ich lese sie jeden tag ich esse sie jeden tag ich schlafe sie jeden tag die welt ist meine chance sie ändert sich jeden tag meine chance ist meine poesie Herman de Vries, geboren 1931 in Alkmaar (Niederlande), seit 1970 in Eschenau (Unterfranken). Seine künstlerische Tätigkeit umfasst Bilder, Skulpturen, Installationen, Kunst im öffentlichen Raum. Die Lehren des Zen, Vedanta und Mahayana bestimmen de Vries´ Lebenspraxis und seine schöpferische Arbeit: Kunst als solche ist nicht vom Leben zu trennen, als sie nur einer der Wege ist, auf denen sich dem Suchenden die Wirklichkeit offenbart. (
) alles ist einheit, alles geschieht stillstehend. es gibt keine gegensätze. (
) (Mel Gooding: herman de vries. chance and change)
Byron Katie, weltweit bekannt mit ihrer Selbsterfahrungsmethode The Work: Sich in die Gegenwart hineinbewegen
Byron Katie war nicht von Anfang an in der Wahrheit und in bedingungsloser Liebe. In ihrem Buch Schrei in der Wüste wird der Prozess beschrieben, der sie transformiert hat. Ein unberechenbares Biest, ganz und gar dem American Dream of Life und dessen Schattenseiten, den Ängsten, der Verzweiflung und dem Schmerz verfallen, dazu vollgestopft mit Essen, Medikamenten und Alkohol, widerfährt Byron Katie nach vier Herzinfarkten im Alter von 43 Jahren das, was man Erleuchtung nennt. Aus tiefster Hoffnungslosigkeit heraus erfährt sie die Einheit mit der Schöpfung, als sie auf dem Fußboden des Dachbodens einer Heilanstalt liegt. Ein Eingehen in die Einheit, ausgelöst durch das Laufen eines Käfers über ihre Füße. Byron Katie, die keinen spirituellen Hintergrund hat, geht in den dauerhaften Zustand bedingungsloser Liebe ein, sie ist Freude, Mitgefühl und Glückseligkeit. Sie bietet mit der Methode The Work an, sich aus der Dominanz alter Konzepte und Muster zu lösen. Einfach sehen, was wirklich ist. Es bedeutet, ganz in der Gegenwart zu leben, ganz da zu sein. Wirklich ernst damit zu machen, in der Gegenwart zu leben, da zu sein, wo unsere wahre Heimat ist im Jetzt. (
) Du hast die Wahl, die Wirklichkeit des Augenblicks zu sehen, oder die Wahrnehmung der Vergangenheit oder die Angst vor der Zukunft auf sie zu projizieren. (Christin Lore Weber: Schrei in der Wüste. Das Erwachen der Byron Katie)
Andy Goldsworthy, Künstler und Fotograf in Kooperation mit der Natur:
über die äußere Erscheinung hinaus
Meine Kunst beinhaltet das Weitergehen über die offen-sichtliche Erscheinung hinaus. Ich möchte das Wachstum im Holz sehen, die Zeit im Stein, die Natur in der Stadt
Andy Goldsworthy (geb. 1956 in Cheshire, England) ist Künstler und Fotograf. Er setzt Natur-Materialien, die er an Ort und Stelle vorfindet, zur Erstellung vergänglicher Werke ein, die er mit Fotografien dokumentiert. Er ist einer der wichtigsten Vertreter der Natur-Kunst, einer Variante der Land Art. Er wurde in dem Dokumentarfilm Rivers and Tides (Fluss der Zeit) von Filmemacher und Kameramann Thomas Riedelsheimer porträtiert, der dafür den Deutschen Kamerapreis 2001 erhielt. (Andy Goldsworthy: Andy Goldsworthy; DVD Rivers and Tides. Andy Goldsworthy working with time)
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